Mannheimer Morgen, 5. Februar 1992, Seite 10
Hatte Düe den Killer bestellt?
Neue Anschuldigungen gegen den Hannoveraner Juwelier kommen
aus der Türkei
von unserem Redaktionsmitglied Martin Tangl
Nimmt der Fall Düe eine überraschende Wende? Zwei Männer
hatten am 31. Oktober 1981 sein Geschäft überfallen. Vor
Gericht in Istanbul sagte jetzt ein mutmaßlicher Täter,
Yildiszoy Aydin (34), er habe im März 1991 im Auftrag Dües
seinen damaligen Komplizen Avan Nevzat (27) ermordet.
Das erfuhr unsere Zeitung aus der Türkei.
Zusammen sollen die beiden Männer aus der Türkei das
Juweliergeschäft des heute 45jährigen René Düe in dessen
Auftrag überfallen haben. Der Raub wurde nie aufgeklärt.
Doch im vergangenen Jahr wollte Nevzat auspacken. Da schlug
ihn der Killer in einem Hotel in Istanbul nieder,
erdrosselte ihn und nähte ihm die Lippen zu.
Dafür habe ihm Düe 225.000 Mark bezahlt, sagte Aydin jetzt
in Istanbul aus, wo er sich zur Zeit vor Gericht
verantworten muss.
“Während ein Türke im Grab liegt und der andere im Gefängnis
sitzt, befindet sich der deutsche Juwelier in Freiheit“,
kritisiert der Anwalt des Ermordeten, Aydin Coser, in
Istanbul.
Der Fall Düe hatte in den 80er Jahren Schlagzeilen in der
Bundesrepublik gemacht.870 Tage saß der Juwelier in Haft
weil er im Verdacht stand, den Überfall selbst inszeniert zu
haben. Im März 1989 sprach in das Landgericht Braunschweig
frei.
Vom kostbaren Diebsgut im Wert von rund zwölf Millionen
Mark fehlt bis heute jede Spur.
Doch die Auseinandersetzung vor Gericht geht weiter. Die
Mannheimer Versicherung, bei der Düe versichert war, will
den Schaden nicht zahlen.
Das Unternehmen hatte damals bei den Landes- und
Bundeskriminalamt hoch im Kurs stehenden Privatdetektiv
Werner Mauss auf Düe angesetzt.
Ein Freispruch mangels Beweisen sei kein Beweis für die
Unschuld, argumentierte die Versicherung noch heute.
Die Aussagen im Mordprozess in Istanbul könnten jetzt das
Zögern der „Mannheimer“ rechtfertigen. Aydin und Nevzat
waren schon 1981 nach dem Raubüberfall als Verdächtige
festgenommen worden.
Die Staatsanwaltschaft konnte den beiden aber die Tat nicht
nachweisen. Doch im Laufe der Jahre soll Nevzat seiner
Familie haarklein die Geschehnisse vom Oktober 1981 erzählt
haben.
Vater und Bruder treten jetzt als Nebenkläger auf. Sie
berichteten, Avan Nevzat habe auf ein Angebot der
Staatsanwaltschaft Hannover reagieren und als Kronzeuge
gegen Düe und seinen Komplizen aussagen wollen.
Daraufhin habe Aydin über Mittelsmänner von Düe den
Mordauftrag erhalten und seinen Freund aus einem türkischen
Dorf nach Istanbul gelockt. Der Angeklagte sagte vor
Gericht, er und sein Opfer hätten sich am 20. März 1991 im
Hotel getroffen. Nach einem Schlag mit dem
Schraubenschlüssel habe er seinen einstigen Freund erwürgt.
Von Zweifeln getrieben und beim Gang ins Hotel von Zeugen
beobachtet, will er sich gleich nach der Tat der Polizei
gestellt haben. Erst behauptete er, sein Kumpel habe ihn
beleidigt, er habe ihn anschließend im Streit umgebracht.
Im Oktober 1991 revidierte er seine Aussage und erzählte die
Düe-Geschichte. Jetzt drohen ihm 24 Jahre Haft.
Bei der Staatsanwaltschaft in Hannover und bei der
Mannheimer Versicherung ist die Killer-Story mittlerweile
bekannt. Beide wollten aber im laufenden Verfahren keine
Aussagen machen.
„Ich habe den Eindruck, dass sich da etwas entwickelt“
erklärte Herwig Springer von der Rechstabteilung der
„Mannheimer“ gestern gegenüber unserer Zeitung: „Wir
verfolgen das mit Interesse aus der Ferne“.
Die Behörde in Hannover erklärte, Düe sei rechtskräftig
freigesprochen, für den möglichen Mordauftrag seien die
Behörden am Tatort – also in Istanbul – zuständig.